Mit Ablauf des 31.12.2020 wurde die Übergangsphase beendet, in der für Lieferungen nach und in Großbritannien weiterhin die bekannten Umsatzsteuer-Regeln galten.

100 Tage Brexit – Zeit zum Handeln!

Das Thema Brexit ist in den letzten Wochen medial ein wenig in den Hintergrund getreten. Doch weniger Aufmerksamkeit heißt leider nicht, dass sich das Thema in Wohlgefallen aufgelöst hat. Im Gegenteil: Viele Händler suchen nach wie vor nach Wegen durch das Brexit-Chaos.

Wir möchten aus Anlass von 100 Tagen Brexit eine erste Zwischenbilanz ziehen. Und Euch als Händler sagen: Handelt mit UK! Denn trotz der Umstände gibt es Möglichkeiten, den Aufwand einzugrenzen.

Schauen wir zunächst auf die Entwicklungen: Laut Statistischem Bundesamt sind im Januar 2021 die deutschen Exporte nach UK um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen. Die Importe aus UK nach Deutschland brachen im selben Zeitraum sogar um 56 Prozent ein.

Sicherlich dürfte auch die Pandemie eine Rolle beim Rückgang gespielt haben. Doch viele Händler benennen ganz klar den Brexit als wesentliches Hindernis, warum sie nicht mehr oder kaum noch nach UK verkaufen.

Für Händler in der EU ist UK seit 01.01.2021 ein "Drittland"

Faktisch ist UK seit 1. Januar 2021 aus EU-Sicht ein „Drittland“. Für Euch als Händler rücken in diesem Zusammenhang zwei wesentliche Themen in den Fokus: Zollbestimmungen sowie steuerliche Aspekte.

Die wesentlichen steuerlichen Folgen des Brexits für Onlinehändler in der EU haben wir in einem 4-Minuten-Video für Euch zusammengefasst:


Welche Änderungen gibt es seit den 1.1.2021 aus umsatzsteuerlicher Sicht?

Das Wichtigste vorab: Zukünftig müsst Ihr bei Lieferungen an britische Abnehmer immer die deutsche und die britische Sichtweise gleichzeitig betrachten.

Abhängig davon, welchen Vertriebskanal Ihr nutzt und/oder wie hoch der Wert der Ware ist, ist es seit dem 1.1.2021 weiterhin erforderlich, sich in Großbritannien steuerlich zu registrieren oder eben nicht mehr.

Fangen wir mit der deutschen bzw. der EU-Sichtweise an.

Die deutsche bzw. EU-Sicht

Aus deutscher bzw. EU-Sicht sind zwei relevante Fälle (Transaktionsarten) denkbar. Im Folgenden erklären wir Euch daher, wie ihr diese beiden Transaktionsarten umsatzsteuerlich und buchhalterisch bewertet und abbildet.

Fall 1: Ihr liefert direkt nach Großbritannien

Dieser Fall ist aus umsatzsteuerlicher Sicht als sogenannte Ausfuhrlieferung zu beurteilen. Ausfuhrlieferungen sind immer steuerfrei – egal ob der Abnehmer ein Endverbraucher oder ein Unternehmer ist.

Ab 2021: Wenn Ihr Ware aus Deutschland nach Großbritannien liefert, handelt es sich dabei um steuerfreie Ausfuhrlieferungen.

Wichtig ist jedoch, dass Ihr Ausfuhrlieferungen umfassend dokumentieren und belegen müsst. Was das bedeutet, haben wir in diesem Blogpost erklärt.

Fall 2: Ihr bzw. ein Logistiker bringt die Ware in ein Fulfillment-Center nach Großbritannien

Dieser Fall ist aus umsatzsteuerlicher Sicht – zumindest aus der deutschen bzw. EU-Sichtweise – ein nicht steuerbarer Vorgang und somit umsatzsteuerlich nicht zu erfassen.

Ab 2021: Wenn Ihr Ware aus Deutschland nach Großbritannien verbringt, ist dieser Vorgang umsatzsteuerlich nicht relevant – zumindest in Deutschland.
Wichtig: Auch wenn beim Verbringen der Ware nach Großbritannien kein umsatzsteuerbarer Vorgang aus deutscher Sicht vorliegt, solltet ihr unbedingt darauf achten, die sogenannten Ausgangsvermerke, welche den Export nach Großbritannien belegen, aufzubewahren und mit der Transaktion zu verknüpfen. In diesem Webinar haben wir das umfassend erklärt.

Führt man sich diese beiden Fälle vor Augen, scheint es seit dem 1.1.2021 auf den ersten Blick eher einfacher als komplexer geworden zu sein.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall – wie zu erwarten war – denn ihr müsst nun auch simultan zwingend die britische Sichtweise betrachten.

Die britische Sicht

Zoll: mehr Papierkram, mehr Sorgfaltspflicht

Wenn Ihr Ware nach UK ausführen möchtet, müsst Ihr Euch seit 1. Januar 2021 beim Zoll für den Warenverkehr mit UK registrieren lassen. Ihr erhaltet dann eine sogenannte EORI-Nummer, das steht für „Economic Operators’ Registration and Identification“ und ist die Zollnummer auf europäischer Ebene.

Zudem muss für das Produkt, das Ihr ausführt, eine Zolltarifnummer ermittelt werden. Über sogenannte Ausfuhranmeldungen müssen Ausfuhren stets angemeldet und Zollwerte angegeben werden. Das ist ganz wichtig, denn wenn die Papiere nicht korrekt sind, kommt die Ware womöglich umgehend an Euch zurück.

Vorsicht ist übrigens geboten, wenn Ware aus einem anderen Produktionsland zunächst nach Deutschland eingeführt und dann nach UK weiterverschickt wird – denn dann fällt nicht nur an der EU-Grenze Zoll an, sondern auch nochmal beim Eintritt nach UK.

In diesem Zusammenhang kann es sinnvoll sein, zu analysieren, welche zollrechtlichen Verfahren möglicherweise eine Vereinfachung in diesem Szenario darstellen könnten und ebenfalls zu einer Verringerung der Abgabenlast führen könnten.

Ein kleiner Lichtblick: Die britische Regierung hat Anfang März beschlossen, dass Importeure nach UK bis 31. Dezember 2021 Einfuhren zunächst nur protokollieren müssen und die tatsächliche Zollanmeldung erst später durchführen können.

Ab 1. Januar 2022 sind die Zollanmeldungen dann sofort zu erledigen und Einfuhrabgaben sofort zu leisten. Diesen Freiraum gewährt die EU nicht, d.h. wer aus UK in die EU einführt, muss unverzüglich alle Zollformalitäten erfüllen und die Zollabgaben entrichten.

Umsatzsteuer: Warenwert und Verkaufsplattform relevant

Auch aus umsatzsteuerlicher Sicht gibt es einiges zu beachten. Zwei Fragen sind dabei entscheidend: Verkauft Ihr über einen eigenen Webshop oder einen Marktplatz (z.B. Amazon oder ebay)? Liegt der Gesamtwert der Warensendung nach UK bei über 135 Pfund (aktuell ca. 155 Euro)? Wir zeigen Euch im nachfolgenden Abschnitt, worauf es je nach Verkaufsweg bei Umsatzsteuer und auch Zoll ankommt.

Dabei stellen wir einen Grundsatz voran.

Grundsatz: Lieferungen bzw. Importe, die einen Wert von 135 Pfund (netto und exklusive Transportkosten) nicht überschreiten, sind in Großbritannien von der Einfuhr(!)umsatzsteuer befreit. Dennoch unterliegt jede Lieferung unabhängig von der Höhe des Warenwertes in Großbritannien letztendlich der Umsatzsteuer.

Schauen wir uns die Fälle nacheinander an.

Fall 1: Ihr liefert über euren Webshop Ware aus der EU (z.B. Deutschland) nach Großbritannien – Warenwert bis 135 Pfund

Direkte Lieferungen aus Deutschland bzw. der EU nach Großbritannien über den Webshop sind von Zoll und Einfuhrumsatzsteuer befreit.

Die Umsatzsteuer entsteht in diesen Fällen in Großbritannien am Point-of-Sale.

Direkte Lieferungen nach Großbritannien über den eigenen Webshop sind von Zoll und Einfuhrumsatzsteuer befreit. Umsatzsteuer entsteht am Point-of-Sale

Was bedeutet das? Führt ihr ab dem 1.1.2021 auch nur eine solche Lieferung durch, müsst Ihr euch in Gr0ßbritannien steuerlich registrieren und quartalsweise Eure Umsatzsteuer deklarieren und abführen, da Ihr in Großbritannien steuerbare Lieferungen tätigt.

Fall 2: Ihr liefert über euren Webshop Ware aus der EU (z.B. Deutschland) nach Großbritannien – Warenwert über 135 Pfund

Dieser Fall ist eine Abwandlung von Fall 1. Die Umsatzsteuer entsteht hier nicht am Point-of-Sale, sondern beim Import.

Was bedeutet das? Auch in diesem Fall fällt für Eure Lieferung Umsatzsteuer an – nur eben in Form von Einfuhrumsatzsteuer und zwar unmittelbar mit dem Import in Großbritannien. Ihr müsst für diese Fälle nicht zwingend umsatzsteuerlich registriert sein. Allerdings könnt Ihr im Rahmen einer umsatzsteuerlichen Registrierung die Einfuhrumsatzsteuer gesammelt im Folgemonat erklären und abführen – und nicht wie anderenfalls unmittelbar beim Import.

Wenn Ihr Euch nicht umsatzsteuerlich registrieren lasst, kann ein Logistiker oder ein Zollagent die Einfuhrumsatzsteuer und Zoll deklarieren und für Euch abführen.

Lieferung ab 135 € über eigenen Webshop: Die Umsatzsteuer entsteht hier nicht am Point-of-Sale, sondern beim Import.

Fall 3: Lieferung über Amazon und Co. aus der EU (z.B. Deutschland) nach Großbritannien – Warenwert bis 135 Pfund

In diesem Fall gelangt die Ware auch wieder aus Deutschland oder einem anderen EU-Staat nach Großbritannien – allerdings erfolgt die Vermittlung und die unmittelbare Abrechnung mit dem Kunden über einen Marktplatz, z.B. Amazon.

Situation bei einer Lieferung bis 135 € über einen Marktplatz

Das britische Umsatzsteuerrecht fingiert in diesen Fällen eine – in der Regel – steuerpflichtige Lieferung des Marktplatzes an den Endverbraucher, wie es die folgende Grafik illustriert. Eine Registrierungspflicht in Großbritannien besteht für den Händler somit nicht, soweit er nur diese Art von Transaktionen ausführt.

Fingierte Steuerpflicht des Marktplatzes seit 2021

Hier seht ihr am Beispiel eBay wie die Marktplätze diesen Fall praktisch abwickeln werden. Die Erstellung der Rechnung erfolgt durch die Marktplätze.

Mitteilung von eBay – Stand 1.12.2020

Fall 4: Lieferung über Amazon und Co. aus der EU (z.B. Deutschland) nach Großbritannien – Warenwert über 135 Pfund

Dieser Fall wird wie Fall 2 abgebildet. Das bedeutet auch, dass die in Fall 3 genannte Fiktion in diesen Fällen nicht greift.

Fall 5:  Verkauf aus einem Fulfillment-Center in Großbritannien heraus – Warenwert egal

Wollt Ihr nach dem 1.1.2021 weiterhin das Fulfillment by Amazon (FbA) in Großbritannien nutzen, müsst Ihr eure Produkte zukünftig selbst auf die Insel bringen (lassen). Amazon hatte bereits angekündigt, dass Großbritannien aus dem Pan EU Programm herausfallen wird. Wie ihr das machen könnt, erklärt Euch eine Zollexpertin in diesem Webinar.

Aus deutscher Sicht liegt dann kein steuerbarer Vorgang vor, da die Lieferung in Großbritannien stattfindet.

In Großbritannien greift wieder die folgende Systematik, die ihr bereits kennt – mit einer wichtigen Ausnahme/Ergänzung ...

Ab 2021: Verkauft Ihr Produkte aus einem Amazon-Lager in GB an Endverbraucher in GB führt Amazon die Umsatzsteuer ab.

... Amazon schuldet die Umsatzsteuer und führt diese auch ab. Zusätzlich fingiert das neue britische Umsatzsteuerrecht, dass ihr im Zeitpunkt der Lieferung von Amazon an den Endverbraucher eine steuerfreie Lieferung an Amazon durchführt.

Was bedeutet das? Viele haben sicher erkannt, dass dieser Fall dann sehr relevant ist, wenn ihr unter den neuen Gegebenheiten das Pan EU Programm inkl. Großbritannien ab 2021 fortführen wollt. Durch die o.g. steuerfreie Lieferung an Amazon seid ihr weiterhin auf der Insel steuerpflichtig und müsst weiterhin quartalsweise Umsatzsteuer-Erklärungen abgeben.

Was ist mit B2B-Lieferungen?

Wir werden zu dieser Frage noch einen gesonderten Blogpost veröffentlichen. Vereinfacht gesagt, wird für in Großbritannien steuerbare B2B-Transaktionen das Reverse-Charge-Verfahren greifen.

Lieferungen nach Nordirland ab 2021

Nach dem aktuellen Verhandlungsstand wird Nordirland aus umsatzsteuerlicher Sicht weiterhin zur EU gehören.

Für Lieferungen nach Nordirland würden daher die aktuellen Regelungen fortgelten. Hierbei greift die britische Lieferschwelle in Höhe von 70.000 EUR.

Fazit

Die Komplexität der Neuregelungen in Großbritannien führt vor Augen, was für eine wertvolle Institution ein friktionsfreier EU-Binnenmarkt war und ist.

Man mag sich nicht vorstellen, dass wir wieder in eine Zeit zurückfallen, in der jeder Staat in Europa ähnliche oder gar andere Regeln nach eigenem Ermessen etablieren kann.

Ja, die Europäische Union ist auch ein riesiges Bürokratiemonster und in Brüssel oder Straßburg getroffene Entscheidungen sind oft ein Minimalkonsens und werden nicht selten teilweise auch von intransparenter Lobbyarbeit beeinflusst.

Wir bei Taxdoo sind aber absolut überzeugt davon, dass diese Gemeinschaft von nunmehr noch 27 Nationalstaaten in der langen und konfliktreichen Geschichte Europas gemeinsam so viel mehr erreicht hat, als es diese Staaten einzeln in Summe geschafft hätten.

Auch wenn durch den Brexit die Komplexität für den Onlinehandel gestiegen ist – keine Sorge, es lässt sich bewältigen! Was Registrierungspflichten für Zollanmeldungen angeht, findet Ihr viele Checklisten und Hinweise im Internet, etwa bei der Generalzolldirektion oder auch bei den Industrie- und Handelskammern.

Taxdoo bietet Lösungen

Beim Thema Umsatzsteuer gibt es mit Hilfe unserer Taxdoo-Plattform die Möglichkeit, die Abwicklung vollständig zu automatisieren. Und das nicht nur für UK, sondern auch für andere Länder. Das macht die Sache nicht nur weniger fehleranfällig, sondern es spart Euch viel Zeit und Energie.

Und schon mal nach vorne geblickt: Wir arbeiten daran, auch beim Thema Zoll einige Abläufe für Euch zu vereinfachen.

Taxdoo ist die Plattform für automatisierte und sichere Compliance-Prozesse

... und bildet für die führenden Onlinehändler in Europa neben der Abwicklung der laufenden EU- und GB-weiten Umsatzsteuer-Compliance, Intrastat und Finanzbuchhaltung noch zahlreiche weitere Compliance-Services über eine einzigartige Plattform ab.

Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie ihr Umsatzsteuer-Compliance, Finanzbuchhaltung und noch viel mehr effizient und sicher über eine Plattform abbilden könnt, dann bucht über diesen Link euer individuelles und kostenloses Erstgespräch mit den Compliance-Experten von Taxdoo!

Gerne könnt ihr euch auch für unser regelmäßig stattfindendes Demo-Webinar anmelden, in dem wir euch Taxdoo und unsere Compliance-Services vorstellen und eure Fragen persönlich beantworten.